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Inklusion

Wertschätzung von Vielfalt


Foto: picture alliance/Golden Pixels LLC
Was hat Inklusion mit Vielfalt zu tun? DGUV Kinder, Kinder sprach darüber mit Hubert Lorenz-Medick, Leiter einer integrativen Kita im hessischen Idstein.


Herr Lorenz-Medick, es gibt viele verschiedene Definitionen und Interpretationen von Inklusion. Was bedeutet Inklusion für Sie?
Die Inklusion wird oft nur auf die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen bezogen. Ursprünglich bezieht sich Inklusion jedoch auf die grundsätzliche Wertschätzung und Akzeptanz menschlicher Vielfalt. Für Kitas nichts wirklich Neues. Schon lange werden hier höchst unterschiedliche Kinder betreut, nur wurde das meist gar nicht so wahrgenommen. Dass jetzt Kinder mit Behinderung hinzukommen, empfinde ich als große Bereicherung – sie birgt ein hohes Potenzial für das Lernen aller Beteiligten. Allerdings bringt die Umsetzung auch Herausforderungen und es darf nicht übersehen werden, dass die Entwicklung der strukturellen Rahmenbedingungen in den Kitas mit den Anforderungen nicht immer Schritt hält. Hier gibt es noch viel zu tun.

Worin liegen für Sie die Schwierigkeiten bei der inklusiven Pädagogik?
Ich würde nicht von Schwierigkeiten sprechen, aber es bleiben Herausforderungen. Damit sich ein Kind wohlfühlen kann, muss vieles für jedes einzelne Kind ausgehandelt und ausgeglichen werden. Und Wohlfühlen ist die Basis für jede positive Entwicklung. Ich meine damit nicht die sogenannte „Kuschelpädagogik“. Sich wohlzufühlen umfasst unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Facetten: Die Erfahrung, gehalten zu werden und gleichzeitig die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln; Hilfe anzunehmen und gleichzeitig zu lernen, Herausforderungen angemessen selbstständig bewältigen zu können; teilzuhaben und gleichzeitig die eigene Identität zu behalten und so weiter – es ist und bleibt ein ständiges Spannungsfeld.

Welche Rolle spielen dabei die pädagogischen Fachkräfte?
Unsere zentrale Herausforderung ist es, das Umfeld und die sozialen Interaktionen so zu begleiten und zu gestalten, dass die Kinder sich wohlfühlen können. Das Wohlergehen der Kinder ist außerdem an das Wohlergehen der Erwachsenen gekoppelt. Auch wenn die Kinder im Fokus stehen, arbeiten wir daran, auch die Situation der Eltern, der externen Kooperationspartner sowie die Arbeitsbedingungen des Teams nicht aus den Augen zu verlieren. Wir sind überzeugt, dass nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich ebenfalls wohlfühlen und mit ihrer Arbeitssituation grundsätzlich zufrieden sind, den hohen Anforderungen gerecht werden können.

Wie sollte eine inklusive Kita ausgestattet sein?
Wichtig ist es auch hier, das einzelne Kind mit seinen Bedürfnissen zu sehen. Mögliche Barrieren für ein Kind mit Hörbehinderung sehen völlig anders aus als für eines mit einer umfassenden Körperbehinderung oder eines, das kein Deutsch spricht. Häufig lassen sich Barrieren mit einer gehörigen Portion Fantasie, Kreativität und gutem Willen überwinden. In unserer Einrichtung hat sich eine Ausstattung bewährt, die flexibel und beweglich ist und immer wieder verändert und angepasst werden kann. Dadurch schafft man leichter die Möglichkeiten für die notwendige Binnendifferenzierung – so können zum Beispiel unterschiedliche Angebote zeitgleich stattfinden. Bei der Neuplanung unseres Außengeländes – an der die Kinder maßgeblich beteiligt waren – wurde darauf geachtet, dass die Spielgeräte sowohl für motorisch gut entwickelte Kinder Herausforderungen bieten, aber auch von Kindern mit motorischen Handicaps weitestgehend selbstständig benutzt werden können.

Wie ermöglichen Sie jedem Kind die Teilhabe?
Wenn ein Kind nicht aktiv Entscheidungen treffen oder an Entscheidungsprozessen teilnehmen kann, ist das tatsächlich eine besondere Herausforderung. Diese Kinder sind dann auf Assistenz, einfühlsame Interpretation oder einen Fürsprecher ihrer Interessen angewiesen. Meist übernimmt die Fachkraft diese Aufgabe. Wir haben aber auch gute Erfahrungen mit anderen Kindern gemacht, die sich sensibel und emphatisch dieser Aufgabe stellen. Eine weitere Möglichkeit ist die gemeinsame Beratung über die Interessen des Kindes, das nicht aktiv teilhaben kann. Besonders wichtig und lehrreich für alle Kinder ist die einfühlsame Begleitung nach einer stellvertretend getroffenen Entscheidung, dem Wahrnehmen, ob man mit der Hilfestellung richtig lag.

Inwiefern unterscheiden sich Kinder mit Behinderung von Kindern ohne Behinderung?
Ein Kind ist in erster Linie ein Kind und hat vielleicht auch eine Behinderung. Diese banale Einsicht wird meist übersehen. Der Blick auf die besonderen Bedürfnisse des Kindes mit Behinderung verstellt oft die Wahrnehmung, dass es auch die gleichen grundsätzlichen Bedürfnisse wie jedes andere Kind hat, wie zum Beispiel den Wunsch nach Bindung, Selbstwirksamkeit, Autonomie, die Möglichkeit zur Peer-Interaktion, dem Dazugehören oder auch in Ruhe gelassen zu werden. Hier besteht die Herausforderung darin, feinfühlig und genau hinzusehen und – eventuell auch in Kooperation mit entsprechenden Fachkräften – gemeinsam mit dem Kind entsprechende Abwägungen zu treffen. Erfahrungen aus diesen Prozessen bereichern die Arbeit mit allen Kindern.

Welche Rolle spielen die Eltern bei der inklusiven Pädagogik?
Elternarbeit ist immer ein wichtiger Faktor. Inklusive Pädagogik erfordert aber einen besonderen Blick: So treffen wir in unseren Kitas in der Regel auf Eltern, die aufgrund ihrer eigenen Sozialisation meist wenig Erfahrung mit Behinderung, vielleicht auch mit Vielfalt insgesamt haben. Für sie ist Inklusion neu und sie benötigen auch Begleitung. Auf der anderen Seite haben wir die Eltern der Kinder mit besonderen Bedürfnissen, der Kinder mit Behinderung. „Wir haben die Probleme, die alle Eltern haben. Aber wir haben noch ein paar zusätzliche“, formulierte es die Mutter eines Kindes mit Behinderung treffend. Diese zusätzlichen Probleme sind es, die auch unsere besondere Aufmerksamkeit erfordern. Zumal die Inklusion in Regeleinrichtungen für die Eltern der Kinder mit Behinderung stärker die Gefahr der Vereinzelung birgt, da es unter den anderen Eltern weniger Ansprechpersonen mit ähnlichen zusätzlichen Fragen gibt.

Wie wirkt sich inklusive Arbeit auf das Team aus?
Inklusion ist eine Querschnittsaufgabe, die grundsätzlich alle Bereiche einer Kita umfasst. Inklusion kann nicht an einzelne Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter delegiert werden, sondern das gesamte Team ist gefordert. Die Wertschätzung von Vielfalt endet nicht bei den Kindern. Auch das Team muss sich immer wieder neu fragen: „Wie steht es um unsere Wertschätzung der Vielfalt?“ Inklusion endet auch nicht an der Tür der Kita – man muss leben, was man predigt – das gilt insbesondere in Bezug auf Achtung und Respekt im Umgang mit Vielfalt. Dazu gehört auch die Offenheit für die Einbindung anderer Menschen und Professionen wie Logopädie, Krankengymnastik oder Ergotherapie in die Kita. Externe Fachleute sind für die therapeutische Versorgung und Unterstützung unverzichtbar.

Sind wir auf dem Weg zu einer inklusiven Kindertagesbetreuung oder ist die Pädagogik in der Kindertagesstätte der Weg zur Inklusion?
Wohl beides. Kitas sind keine Inseln, sondern Spiegelbild der Gesellschaft. Inklusion ist ein großes gesellschaftliches Ziel für uns alle. Kitas stehen an der Basis des Bildungssystems und vielleicht können wir auf diese Weise von Anfang an Erfahrungen und Werte vermitteln, die uns diesem großen Ziel näherbringen. Ob Inklusion als Ziel wirklich erreichbar ist, bezweifele ich. Wahrscheinlicher ist es, dass der Weg das Ziel ist. Inklusion wird wohl nie ein Zustand werden, den wir erreichen, sondern wird uns immer wieder aufs Neue vor Herausforderungen stellen. Sie will täglich gelebt und erlebt werden, nicht nur in der Kita. Aber wie schon der große Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung sagte: „Der Mensch braucht Herausforderungen. Sie dienen seiner Gesundheit.“



Natalie Peine
Redakteurin DGUV Kinder, Kinder
E-Mail: redaktion@dguv-kinderkinder.de

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