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Trauer in der Kita

Trauernde Kinder in der Kita

Trauerndes Kind
Foto: picture alliance/Bildagentur-online
Kinder trauern anders als Erwachsene. Wie äußert sich Trauer bei Kindern und welche Vorstellungen haben sie vom Tod?
Trauer, Trauma und Tod – das sind normalerweise keine
Themen, die wir mit einem Kinderalltag verbinden.
Vielmehr sind dies Themen, die viele Erwachsene sprachlos machen.
Insbesondere wenn es darum geht, trauernde Kinder zu
begleiten oder mit ihnen über den Tod zu sprechen.

Doch welche Vorstellungen haben Kinder eigentlich vom Tod und was
bedeutet Trauer für sie? Es ist wichtig zu wissen, wie und was
Kinder über den Tod denken. Denn ihre Vorstellungen davon
haben einen direkten Einfluss auf ihre Trauerverarbeitung und
ihr Trauerverhalten – und somit immer auch auf die Trauerbegleitung
der Erwachsenen.

Kleinkindalter (bis drei Jahre)

In diesem Alter haben Kinder noch keine Vorstellung vom Tod.
Tot sein bedeutet so viel wie weg sein. Je kleiner ein Kind ist,
umso ganzheitlicher nimmt es seine Umwelt wahr: mit seinem
ganzen Körper und mit allen seinen Sinnen. Je jünger das Kind
ist, desto abhängiger ist es von seinen engsten Bezugspersonen.
Deshalb spürt es jede kleine Veränderung innerhalb der
Familie und reagiert darauf. Stirbt jemand in der Familie, verändern
sich schlagartig die vertraute Alltagsatmosphäre und
das emotionale Klima. Vieles, was dem Kind ein angenehmes
Lebensgefühl, Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit, Wärme,
Vertrauen und Schutz gegeben hat, ist plötzlich weg. Den Tod
von Vater oder Mutter erlebt das Kind meist als existenziell
bedrohlich. Wenn zum Beispiel ein Geschwisterteil stirbt,
trauern die Eltern meist so tief, dass sich das andere Kind zu
wenig umsorgt und beachtet fühlen kann. Diese Kinder weinen
oft viel, sind unruhig, schlafen schlecht oder werden sogar
eventuell krank.

Vorschulalter (bis sechs Jahre)

Kinder im Vorschulalter haben noch keine Vorstellung von
Zeit – der Tod wird nicht als endgültig gesehen. Tot sein
bedeutet für sie „weg sein“ oder „kaputt sein“.
Dabei haben auch kleine Kinder schon die Erfahrung gemacht, dass man
etwas Kaputtes reparieren kann, und denken deshalb, dass
jemand, der weggegangen ist, auch wiederkommt. Kindergartenkinder
haben auch oft die Vorstellung, dass ein Mensch,
der gestorben ist, wieder lebendig werden kann. Sie sind
nicht weiter beunruhigt, wenn zum Beispiel der kleine
Bruder gestorben ist: „Aber an meinem Geburtstag
kommt mein toter Bruder wieder!“ ist daher keine
unübliche Reaktion. Erst im Laufe der Zeit lernt
das Kind schmerzlich, dass der Bruder nicht mehr
zurückkommt. Kindergartenkinder denken auch
häufig, man könne auch nur ein bisschen tot sein
und im Grab weiterleben. Die Art ihrer Fragen gibt
Aufschluss über ihr Denken und somit auch ihr Verhalten:
„Friert Opa im Grab, wenn es schneit?“, „Wie können Tote
essen?“ Hier ist es wichtig, die Sorgen und Ängste der Kinder
aufzugreifen und die Fragen gemäß ihrem Entwicklungsstand
zu beantworten. Eine angemessene Reaktion könnte sein: „Ich
verstehe, dass du dir Sorgen um den Opa machst. Aber im
Grab friert er nicht, er ist vor Kälte und Nässe geschützt.“

Magisches Denken
Vorschulkinder sind noch stark im magischen Denken verhaftet.
In ihrem kindlichen Egozentrismus beziehen sie vieles
auf sich und ihr Verhalten. Dadurch entstehen bei Kindern leicht
Schuldgefühle. Zum Beispiel „Wenn ich nicht mit der Mama
gestritten hätte, wäre sie jetzt nicht tot“. Der Tod der Mutter
ist für das Kind unbegreiflich und hinterlässt meist tiefe Ohnmacht
und Hilflosigkeit. Der Gedanke, dass der Tod eines geliebten
Menschen mit dem eigenen Verhalten zusammenhängen könnte,
ist einerseits belastend. Andererseits vermittelt er dem Kind
ein Gefühl von Stärke und vermeintlicher Kontrolle.
Das Kind fühlt sich zwar schlecht, weil es meint, böse gewesen
zu sein. Gleichzeitig bekommt es aber das Gefühl, das Leben
unter „Kontrolle zu haben“. Die logische Folge für das Kind
wäre dann: „Wenn ich immer lieb bin und mit niemandem
streite, dann passiert auch nichts Schlimmes.“ Dieses
Schulddenken sollte einem Kind nicht einfach ausgeredet,
sondern ernst genommen und aufgeklärt werden. So könnte
eine passende Reaktion sein: „Ich verstehe, dass du dich
schlecht fühlst, weil du mit der Mama gestritten hast. Wir alle
streiten mal. Der Unfall wäre aber auch passiert, wenn ihr nicht
gestritten hättet. Kannst du dich vielleicht erinnern, dass ihr
auch früher mal Streit hattet und danach ist nichts passiert?“

Gespräche sind wichtig
Kinder, die mit Tod und Trauer konfrontiert sind, haben viele
Fragen. Die nach dem „Warum“ ist auch für Erwachsene
quälend und meist nicht zu beantworten. Wir haben
keine Antwort darauf, warum ein kleines Kind
schwer erkrankt, ein Elternteil bei einem Unfall
stirbt oder ein Mensch sich das Leben nimmt.
Und manchmal ist es dann einfach wichtig, im
Gespräch zu bleiben, auch wenn es keine Antworten
gibt. Es hilft oft schon, nur darüber sprechen
zu können und zu sagen: „Ich glaube Folgendes …,
aber ich weiß es nicht.“ Damit werden Kinder ermutigt,
ihre Ängste, Vorstellungen und Wünsche zu formulieren und
ernst zu nehmen. So erzählte eine Fünfjährige: „Ich glaube,
der Papa wird als Pinguin wiedergeboren, weil er immer so
gerne Schlitten gefahren ist.“

Was bedeutet Trauer?
Trauer wird oft mit dem Gefühl von Traurigkeit verwechselt.
Alle Kinder sind hin und wieder traurig – manchmal über Kleinigkeiten,
manchmal tieftraurig, beispielsweise nach dem Tod
des geliebten Hamsters. Dieses Gefühl der Traurigkeit kann
unterschiedlich stark sein und unterschiedlich lange anhalten.
Traurigkeit verläuft linear, wird irgendwann weniger und hört
dann irgendwann ganz auf. Einem Kind sieht man in der Regel
an, wenn es traurig ist.

Trauer verläuft im Gegensatz zur Traurigkeit nicht linear,
sondern in Wellenbewegungen oder Zyklen. Trauer ist eine
völlig normale Reaktion auf einen schweren Verlust. Kinder, die
einen schweren Verlust erlitten haben, wirken nach außen
hin meist völlig normal – die Trauer sieht man ihnen nicht an.
Erlebt nun ein Kind, dass Vater, Mutter, Bruder oder Schwester
gestorben ist, so ist das eine Zäsur im Leben, die alles für
immer und unwiderruflich verändert.

Der Tod in der Kernfamilie betrifft das ganze System Familie
– alles ist aus dem Gleichgewicht. Das Leben, wie es vorher
war, wird es nicht mehr geben. Stirbt beispielsweise ein Kind
in der Familie, so können die trauernden Eltern den anderen
Geschwistern oftmals kaum noch gerecht werden. Kinder
erleben ihre Eltern dann als hilflos, weinend oder aber erstarrt
in ihrem Schmerz. Gerade kleine Kinder können diese radikale
Veränderung der Eltern nicht verstehen, aber sie leiden unter
der drückenden Atmosphäre, die sie oftmals kaum aushalten
können. Da trauernde Eltern schwer zu ertragen sind,
versuchen viele Kinder, sie auf ihre Art aufzumuntern – sie
machen Quatsch, erzählen Witze, erfinden Geschichten. Diese
kindlichen „Bemühungen“ werden oft von der Umgebung
missverstanden. „Das Kind trauert ja gar nicht richtig“ – oder
„Hast du denn deine kleine Schwester gar nicht liebgehabt?
Wie kannst du nur so viel Unsinn machen?“ Solche Äußerungen
bewirken, dass sich das Kind, welches ohnehin mit seinen
eigenen konfusen Gefühlen und der überwältigenden Trauer
der Erwachsenen kämpft, völlig unverstanden fühlt und womöglich
den Eindruck bekommt, mit ihm stimme etwas nicht.

Eine weitere typische Reaktion auf die übertragene Hilflosigkeit
von Trauer kann ein aggressives Verhalten sein. Trauer
macht oft wütend, auf alles und jeden, mitunter auch auf den
Verstorbenen, der einfach so verschwunden ist. So kommt es
immer wieder vor, dass trauernde Kinder ihre Eltern provozieren,
Sachen kaputt machen oder andere Kinder schlagen.
Dies ist einerseits ein Ventil für die eigenen Gefühle, kann
aber auch dazu dienen, die Gefühle der Eltern zu ändern, denn
wütende Eltern sind für viele Kinder leichter zu ertragen als
trauernde Eltern.

Wie können trauernde Kinder in der Kita
unterstützt werden?

Gerade wenn der Tod in der Kernfamilie das ganze System
Familie ins Wanken gebracht hat und die „Restfamilie“ trauert,
können alle „trauerfreien Räume“ für die Kinder stabilisierend
wirken. Hier sind andere, fröhliche Kinder, mit denen sie
spielen und Unsinn machen können; Erwachsene, die Schutz
bieten, die selbst nicht trauern und deshalb manchmal besser
in der Lage sind, die oft starken Emotionen eines trauernden
Kindes auszuhalten.

Die Routine des Alltags gibt Struktur und damit Halt. In trauernden
Familien ist die Trauer manchmal so dominant, dass
es keine Tagesstruktur mehr gibt. Dann wird nicht mehr regelmäßig
gekocht, gemeinsame Unternehmungen finden nicht
mehr statt, weil die Kraft fehlt, und es kann vorkommen, dass
trauernde Eltern ihren eigenen Alltag nicht mehr bewältigen.

Das ist für Kinder eine höchst bedrohliche Situation, macht
Angst und verunsichert. Genau deshalb ist das „Normale“ so
wichtig, weil es den Kindern ermöglicht, Kraft zu tanken und
somit die Selbstheilungskräfte besser zu aktivieren. Diese
„Normalität“ sollte aber nicht mit Verdrängen oder gar Tabuisieren
verwechselt werden. Das Kind sollte immer in seiner
Trauer wahrgenommen werden, die Möglichkeit haben zu
sprechen und die verschiedenen Gefühle innerhalb der Trauer
wie Wut und Aggression so auszuleben, dass weder das Kind
selbst, noch andere verletzt werden oder darunter leiden.

Trauernde Kinder fühlen sich oft „anders“ und verstehen nicht,
was in ihnen vorgeht. Die Erfahrung der Trauer ist schlichtweg
überwältigend. Es kann helfen, wenn diese Kinder vermittelt
bekommen, dass ihre Gefühle und damit verbundenes Verhalten
völlig normal sind und dass auch andere trauernde Kinder
sich so fühlen. Diese Information holt die Kinder aus ihrer
inneren Isolation.

Manchmal holt einen die Trauer ein …
Ein junger Mann, der nach einem einschneidenden Ereignis im
Zentrum für Trauma- und Konfliktmanagement psychologisch
betreut wurde, erinnert sich: „Als ich fünf Jahre alt war, nahm
sich meine Mutter das Leben. Ich erinnere mich nur noch
bruchstückhaft. Aber ich weiß, dass die Polizei bei uns zu Hause
war. Ein Polizist nahm mich auf den Arm und ich durfte seine
Pistole halten. Das fand ich toll. Dann kamen viele Freunde
und Nachbarn, brachten Essen und unternahmen mit meinem
Bruder und mir Dinge, die wir vorher nicht mit unseren Eltern
gemacht hatten. Wir gingen in den Zoo, in einen Erlebnispark
und zu Wanderungen. Ich war nicht traurig, aber ich wusste,
dass man traurig sein muss, wenn die Mutter stirbt. Später
fühlte ich mich wie ein Monster, weil ich damals nicht traurig
gewesen war, sondern mich im Gegenteil gefreut hatte. Über
meine Mutter wurde nie mehr gesprochen. Später, viel später
habe ich sie schrecklich vermisst und war todunglücklich,
aber da konnte ich mit niemandem mehr darüber sprechen.“

Die Schuldgefühle und tiefe Scham, in der Trauer angeblich
„falsch gefühlt“ zu haben, setzten sich in dem jungen Mann
fest. Jahre später erkrankte er psychisch. Er war bereits Mitte
30, da hörte er zum ersten Mal, dass sein damaliges Gefühl,
nicht traurig zu sein, völlig normal war. Dies brachte ihm seelische
Erleichterung. Nach vielen Gesprächen und Erklärungen
über verschiedene Reaktionen nach Trauer und Trauma konnte
er sein Verhalten als Kind einordnen und sich endlich selbst
annehmen. Dies war ein wichtiger erster Schritt zur psychischen
Genesung.

In der Trauer gibt es kein Richtig oder Falsch. Jeder Mensch
trauert, wie er trauern kann. Deshalb sind eine sensible Begleitung
in der Trauer, ein „Dasein“, Hinhören, nicht Urteilen
und altersgerechte Gespräche über Tod, Trauer und Gefühle
wichtige Präventionsarbeit, um mögliche psychische Folgen
zu vermeiden. Dies gilt für Kinder aus allen Kulturkreisen.

Übertragene Gefühle
Die unterschiedlichen Gefühle in der Trauer wie Wut oder
Hilflosigkeit übertragen sich oft auf „Helfer“. Bisweilen ist es
schwer, einem trauernden Kind beizustehen, ohne selbst von
den eigenen Emotionen überwältigt zu werden. Dann besteht
die Gefahr, in Mitleid zu versinken und dem Kind keine Stütze
mehr sein zu können. Manchmal hilft es dann, sich bewusst
zu machen, dass es nicht die eigene Geschichte ist, und so
einen bestimmten Abstand herzustellen. Mitgefühl ist gut und
wichtig, Mitleid kann aber auch belastend für alle Betroffenen
sein und dazu führen, ein trauerndes Kind in „Watte zu
packen“, ihm Misserfolge oder Ärger ersparen zu wollen und
dann auch keine Grenzen zu setzen. Aber auch trauernde oder
gar traumatisierte Kinder – auch solche mit Fluchterfahrung
– brauchen diese Grenzen. Denn sie bedeuten Schutz und
Klarheit. Auch bestimmte Anforderungen – solange es nicht
zu einer Überforderung kommt – können trauernde Kinder
bewältigen und stärken sie sogar. Schließlich macht es stolz,
etwas bewältigt zu haben, und es stärkt das Selbstvertrauen,
welches bei vielen trauernden Kindern stark erschüttert ist.

Wann wird professionelle Hilfe gebraucht?
Wenn ein Kind sich sehr verändert, nicht mehr spielt, nicht
mehr lacht, über einen längeren Zeitraum große Verhaltensauffälligkeiten
zeigt oder unter massiven Ängsten leidet,
dann sollte auf jeden Fall Hilfe von außen geholt werden.
Erste Ansprechpartner können Kinder- oder Hausärzte sein,
Beratungsstellen, die sich auch im Bereich Kindertrauer auskennen,
Kindertrauergruppen oder Trauma-Ambulanzen.


Hanne Shah
Fachberaterin für Psychotraumatologie und Beratung von
trauernden und traumatisierten Familien (national und international);
Zentrum für Trauma- und Konfliktmanagement in Köln
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Umgang mit Zeckenstichen

Beim Umgang mit Zeckenstichen herrscht in vielen Kindertageseinrichtungen und Schulen häufig Unsicherheit.

Die Information der DGUV "Zeckenstich - Was tun?" finden Sie hier

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